Selbstständig in neue Welten eintauchen
Schulblatt 07.03.2025
An der Primarschule Rickenbach erstellen die Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis in die 6. Klasse individuelle Projektarbeiten. Sie lernen, Fragen zu stellen, zu forschen, Informationen zu ordnen und zu präsentieren. Die Idee hat inzwischen den ganzen Schulkreis erobert.
Text: Andreas Minder Fotos: Dieter Seeger
Der Teddybär ist nicht zu übersehen, wenn man das Schulzimmer von Gabriela Bättig betritt. Er sitzt auf einem Gestell links von der Tür und hat die ganze 5. Klasse im Blick. Es ist der IPA-Bär. Er steht für das, was in der Primarschule Rickenbach seit zehn Jahren alle Schülerinnen und Schüler regelmässig – mindestens zweimal jährlich – machen: individuelle Projektarbeiten (IPA). Auf der Wandtafel hat er seine Spuren hinterlassen: sieben bunte Bärentatzen. Jede Tatze symbolisiert einen Verfahrensschritt der IPA – vom Finden des Themas bis zur abschliessenden Präsentation.
Es ist Mittwoch nach der Zehn-Uhr-Pause. Die Kinder sitzen an ihren Laptops, tippen auf der Tastatur, sehen Blätter durch, besprechen sich leise mit dem Pultnachbarn. Immer wieder schnellt eine Hand in die Höhe. Gabriela Bättig geht von Pult zu Pult, gibt Tipps, beantwortet und stellt Fragen. Während die einen Kinder schon dabei sind, ihr Produkt zu gestalten – eine Powerpoint-Präsentation –, ordnen andere noch Informationen oder ringen um die Worte, mit denen sie die Fragen zu einem Thema beantworten können, die sie sich selbst gestellt haben.

Die Kinder lieben IPA
«Komponisten» lautet das Oberthema, das Gabriela Bättig vorgegeben hat. Jede Schülerin, jeder Schüler konnte einen Namen auswählen. Nyah hat sich für Johannes Sebastian Bach entschieden. Sie kannte ihn vorher nicht, den Ausschlag gab seine Musik: «Es ist glückliche, beruhigende Musik», findet die Schülerin. Sie bestimmte vier Teilthemen, die sie näher anschaute: Familie, Kindheit und Jugend, Instrumente, Tod. Levin hat sich Franz Schubert vorgenommen. «Er ist ein spannender Komponist.» Schubert habe unter Krankheiten gelitten, sei schon mit 31 Jahren gestorben und habe doch sehr viel Musik hinterlassen, erzählt er. Reichlich Stoff für eine IPA. Vanessa hat Antonio Vivaldi ausgewählt, auch ihr hatte der Name nichts gesagt, doch als sie den «Winter» aus seinen «Vier Jahreszeiten» hörte, erkannte sie das Stück.
«Sie lieben es, sie gehen nicht mal in die Pause. Sonst rennen sie jeweils gleich raus.»
Gabriela Bättig, Lehrerin
Von den Herbst- bis zu den Sportferien haben die Kinder pro Woche eine Doppelstunde lang Zeit, sich ihrem Komponisten zu widmen. «Megagern» habe sie die IPA-Stunden, sagt Nyah. Levin findet Schubert das bisher spannendste IPA-Thema, und Vanessa ist fasziniert von der so ganz anderen Zeit, in der Vivaldi lebte. Gabriela Bättig weiss aus Erfahrung, dass die IPA bei den Kindern gut ankommt. «Sie lieben es, sie gehen nicht mal in die Pause. Sonst rennen sie jeweils gleich raus.»
Die Methode sei ein Grund dafür, ein weiterer die Arbeit am Computer. «Das zieht sie an.» Auch die Lehrerin mag den IPA-Unterricht mit den motivierten Schülerinnen und Schülern, obschon er für sie sehr anstrengend sei. Sie hat gelernt, wie wichtig es ist, ein klar abgegrenztes Thema vorzugeben und gut vorzubereiten. Doch selbst dann bleibe es eine Herausforderung, die 21 Kinder im Blick zu haben und zu unterstützen. Sie macht IPA-Unterricht deshalb fast nur, wenn ihr eine Klassenassistenz oder die Schulische Heilpädagogin zur Seite steht.
Die sieben Tatzendes IPA-Bären
Für ihre individuellen Projektarbeiten (IPA) stützen sich die Schülerinnen und Schüler der Primarschule Rickenbach auf sieben Verfahrensschritte, symbolisiert durch sieben Bärentatzen:
- Tatze 1: Thema
- Tatze 2: Fragen stellen
- Tatze 3: Erforschen
- Tatze 4: Ordnen
- Tatze 5: Fragen beantworten
- Tatze 6: Produkt
- Tatze 7: Präsentation

Eine «Masterarbeit» zum Schluss
Schulleiter Niklaus Gehring erinnert sich, wie sie es zu Beginn schon auf der Unterstufe mit freier Themenwahl versucht hätten. «Das war eine völlige Überforderung. Für die Kinder, aber ebenso für die Lehrperson, die Berge an Material beschaffen musste.» Es habe sich bewährt, ein Oberthema vorzugeben – mit mehr oder weniger Entscheidungsfreiheit für die Kinder. «Wir haben gemerkt, dass es für die Kinder gar keine Rolle spielt, wie gross das Feld ist, aus dem sie auswählen dürfen.» Solange sie eine Wahl hätten, betrachteten sie das Thema als ihres.
«Der Begeisterung tut das keinen Abbruch.» Und ganz aufgegeben wurde die freie Wahl nicht. «Sie ist am Schluss in der 6. Klasse vorgesehen, sozusagen als Masterarbeit», sagt Gehring. Das wissen die Schülerinnen und Schüler, und einige machen sich schon früh Gedanken, welchem Thema sie sich in ihrer «Masterarbeit» widmen könnten. Levin etwa schwankt zwischen Handball und Hunden, Vanessa könnte sich vorstellen, eine Tennisspielerin unter die Lupe zu nehmen. Auch Leon aus der 4. Klasse von Nicole Müller hat sich bereits Themen überlegt.

«Die Schülerinnen und Schüler bleiben beim Forschen gerne an der Oberfläche. Es ist unsere Aufgabe, sie dazu zu bringen, tiefer zu gehen»
Nicole Müller, Lehrerin
Sein aktueller Favorit: Dinosaurier. Gerade hat er sich aber um ein etwas kleineres Tier gekümmert: den Uhu. Der Viertklässler hat sich mit dem Fressverhalten, den Feinden und der Fortpflanzung dieses «coolen» Vogels beschäftigt. Sein Produkt ist – neben einem kleinen Plakat mit Fotos – ein Audiofile. Leon hat seine Erkenntnisse über den Uhu aufgenommen. Scannt man den QR-Code auf dem Plakat, kann man sich anhören, was Leon über den Uhu gelernt hat. Seine Klassenkameradin Milena hat den Bienenfresser ausgewählt. Einerseits weil er so farbenprächtig ist, andererseits weil sie nichts über diese Eulenart wusste. «Das ist selten, ich weiss viel über Tiere.»
Melina hingegen konnte ihren Vogel nicht wirklich wählen. Als die Themen vergeben wurden, war sie krank, sodass ihre Favoriten bereits von anderen Kindern geschnappt worden waren. Schliesslich entdeckte sie aber die Waldohreule und freundete sich rasch mit dem herzigen Tier mit den auffälligen Federohren an. «Es war sehr interessant, ich habe viel gelernt.» Unter anderem, dass die Federohren gar keine Ohren sind. «Die Schülerinnen und Schüler bleiben beim Forschen gerne an der Oberfläche», sagt Nicole Müller. «Es ist unsere Aufgabe, sie dazu zu bringen, tiefer zu gehen.» Wichtig ist dabei Schritt beziehungsweise Tatze 2, bei der es darum geht, gehaltvolle Fragen zu stellen. «So kann das Kind nicht einfach aufschreiben, was es schon weiss.» Dadurch sei es auch in Ordnung, wenn es ein Thema wähle, das ihm schon vertraut ist.
Hohe Flexibilität
Als grossen Vorteil der IPA sehen die Lehrpersonen die hohe Flexibilität der Methode. Zum einen inhaltlich. «Zu Beginn wurde die IPA vor allem im Bereich NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft) durchgeführt», erzählt Niklaus Gehring. «Nun sind wir daran, das immer stärker aufzufächern.» Eine IPA sei auch im Sport, im Zeichnen, in der Musik möglich. «Wir vermitteln den Kindern, dass sie diese Arbeitstechnik überall einsetzen können.» Entsprechend vielgestaltig können die Resultate aussehen: Die Schülerinnen und Schüler haben schon Kugelbahnen gebaut, Sportlektionen geplant und geleitet, Zirkusnummern aufgeführt.
Den Umfang eines IPA-Projekts können die Lehrpersonen frei wählen. Es kann sich über zehn Wochen ziehen oder nur über zwei. «Bei Zeitnot können sich die Lehrpersonen auch auf eine Tatze konzentrieren», sagt Gehring. Die hohe Flexibilität der IPA-Methode erleichtert das Individualisieren des Unterrichts. Starke Schülerinnen und Schüler können mehr Fragen beantworten, ein ausgefeilteres Produkt herstellen und Zusatzaufgaben lösen – und die Tatzen dabei weitgehend selbstständig abarbeiten. «Schwächere Schüler brauchen mehr Unterstützung, und ihre Arbeiten dürfen auch einfacher sein», sagt Nicole Müller. «Man muss einfach darauf achten, dass ein Produkt entsteht, auf das auch diese Kinder stolz sein können.»
«Wir merkten bald, dass es eine Riesenkiste ist, die sauber aufgebaut werden muss. »
Niklaus Gehring, Schulleiter

Am Schluss einer IPA steht die Bewertung. Beurteilt werden das Produkt und der Prozess, und zwar durch die Schülerinnen und Schüler selbst und durch die Lehrperson. «Wichtig ist, dass wir die Selbst- und die Fremdeinschätzung gemeinsam besprechen», erklärt Nicole Müller. Grosse Differenzen gebe es selten. «Gerade die Älteren können sich recht gut einschätzen.»
Bei der Entstehung der IPA in Rickenbach stand die Individualisierung Pate. Vor zehn Jahren initiierte die damals neue Schulleiterin Brigitte Leu ein Schulentwicklungsprojekt. Die Überlegung war, den Unterricht derart umfassend zu individualisieren, dass die Kinder in jedem Fach selbstständig arbeiten könnten. Die IPA war ein Teil dieser Strategie und wurde als Erstes angepackt.
«Wir merkten bald, dass es eine Riesenkiste ist, die sauber aufgebaut werden muss», sagt Schulleiter Gehring. «Deshalb haben wir beschlossen, den ganzen Rest zurückzustellen und uns auf die IPA zu konzentrieren.»Ausgehend von der «Independent Investigation Method», einer US-amerikanischen Methode des forschenden Lernens, wurde die Rickenbacher Variante erarbeitet. Seither entwickelt sich die IPA immer weiter. Es gibt inzwischen eine ansehnliche Sammlung mit Best-Practice-Beispielen, den sogenannten «Honigtöpfen», und Worst-Practice-Beispielen, den «Bärenfallen». Zudem ist IPA auch an den Stufen- und Schulkonferenzen immer wieder ein Thema. «Man muss regelmässig darüber sprechen», sagt Nicole Müller. «Wir sind laufend daran, die Schritte zu verbessern und zu entwickeln.»

Tatzen, Pfoten und Sprossen
Nicole Müller ist überzeugt, dass die IPA diverse Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler fördert. «Sie sind viel selbstständiger als früher. Auch die Präsentationen sind viel besser geworden.» Von der Sekundarschule sei allerdings die Rückmeldung gekommen, dass dort die Projektarbeit noch einmal von Grund auf eingeführt werden müsse, sagt Niklaus Gehring.
Warum dies so ist? Die Sekundarschule Rickenbach wird auch von Schülerinnen und Schülern der Gemeinden Altikon, Ellikon und Dinhard besucht. Doch eine Lösung bahnt sich an: In den vergangenen Jahren sind diese anderen drei Primarschulen auf den IPA-Zug aufgesprungen. «Wir haben im März 2020 zu einer Kickoff-Veranstaltung eingeladen, an der wir den anderen Schulteams das IPA-Konzept vorgestellt haben.» Und seit dem aktuellen Schuljahr ist nun auch die Sekundarschule daran, die Methode Schritt für Schritt einzuführen. Dass die Idee Schule macht, bedeutet nicht, dass die Teddybärenpopulation im Gebiet der Sekundarschulkreisgemeinde Rickenbach in die Höhe schnellen wird. In Ellikon etwa sind es Füchse, die den Kindern näherbringen, wie IPA funktioniert. Und in der Sekundarstufe werden es die Sprossen einer Leiter sein.