Segelregatta mit Lerneffekt

Erstmals beteiligte sich ein Deutschschweizer an der berühmten Weltumsegelung Vendée Globe. Eine Schulklasse im Zollikerberg hat seine Route mitverfolgt und viel Wissenswertes über die Polarregionen erfahren.

Text: Jacqueline Olivier  Fotos: Dieter Seeger

Ein trüber Donnerstagvormittag Anfang Januar im Schulhaus Rüterwies in Zollikerberg. Die Doppellektion «Natur, Mensch, Gesellschaft» beginnt mit einer kurzen Videobotschaft. Klassenlehrerin Natalie Bönheim schliesst dafür ihr Handy am Beamer an, und schon sehen die Schülerinnen und Schüler ihrer 6. Klasse Oliver Heer an der Wand. Er habe heute einen Eisberg gesichtet, erzählt der Profisegler auf Englisch. Etwas «scary» – also beängstigend – sei das gewesen, aber auch ein Erlebnis. Warum Oliver den Eisberg als «scary» bezeichne, fragt die Lehrerin. Mehrere Kinder strecken auf. Sie wissen: Unter Wasser ist der Eisberg viel grösser, Oliver könnte mit seinem Boot damit kollidieren. Natalie Bönheim nickt und fügt hinzu: «Einen solchen Eisberg zu sehen, ist etwas ganz Spezielles – längst nicht alle Segler bekommen auf ihrer Fahrt einen zu Gesicht.»

Oliver Heer ist aus Rapperswil-Jona am Zürichsee und der erste Deutschschweizer, der an der legendären Vendée Globe teilnimmt, die als härteste Regatta für sogenannte Einhandsegler gilt. Die Route führt von der französischen Atlantikküste aus zunächst in südlicher, dann in östlicher Richtung einmal rund um den Globus. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer legen dabei rund 45 000 Kilometer allein und nonstop zurück, Hilfe von aussen ist nicht erlaubt. Ein veritables Abenteuer, das Natalie Bönheims 6. Klasse seit dem Start vom 10. November 2024 mithilfe von Oliver Heers täglichen Videobotschaften auf Social Media mitverfolgt und dabei allerhand lernt.

«Einen Eisberg zu sehen, ist etwas ganz Spezielles – längst nicht alle Segler bekommen auf ihrer Fahrt einen zu Gesicht.»

Natalie Bönheim, Lehrerin

Heute geht es um das Thema Meeresströmungen. Die Lehrerin hat ein paar Begriffe an die Wandtafel geschrieben: «Dichte», «Golfstrom» oder «thermohaline Zirkulation» steht da, aber auch «antarktischer Zirkumpolarstrom» oder «Oberflächen-/Tiefenströmung». Als Erstes tragen die Schülerinnen und Schüler auf ihrem mehrseitigen, vorgedruckten Theorieblatt die Namen der Ozeane auf einer Weltkarte ein: Pazifischer, Atlantischer, Indischer, Antarktischer und Arktischer Ozean.

Dabei stellen die Kinder fest: Alle Ozeane sind miteinander verbunden. Und damit sie eine Vorstellung von der Grösse dieser Gewässer bekommen, ist auf dem gleichen Blatt die Information zu finden, wie oft die Schweiz auf jeden einzelnen Ozean passen würde. Auf dem grössten, dem Pazifik, hätte sie 4002 Mal Platz, auf dem kleinsten, dem Arktischen Ozean, immerhin noch 341 Mal. Auch wie weit unter dem Meeresspiegel sich der jeweils tiefste Punkt befindet, erfahren sie: Im Pazifik sind es 10 925 Meter, im Arktischen Ozean 5669 Meter. Zahlen, die in manches Kindergesicht ein Staunen zaubern.

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Erstmals beteiligte sich ein Deutschschweizer an der berühmten Weltumsegelung Vendée Globe. Eine Schulklasse im Zollikerberg hat seine Route mitverfolgt und viel Wissenswertes über die Polarregionen erfahren. Quelle: Dieter Seeger

Einsatz für die Wissenschaft

Das Theorieblatt musste Natalie Bönheim nicht selbst erstellen, es stammt von «SwissPolar Class». So heisst das kostenlose Lernprogramm für Schulen des Swiss Polar Institute (SPI), einer Stiftung zur Stärkung der Schweizer Polar- und Höhenforschung. Seit bald fünf Jahren profitieren Schulen in der deutsch- und der französischsprachigen Schweiz von dem Angebot, und laut Anita Feierabend, Projektleiterin für die Deutschschweiz, wird es laufend ausgebaut. Dabei hilft manchmal auch der Zufall, so wie im Fall der Vendée Globe. «Oliver Heer hat das Institut kontaktiert, um die Möglichkeit einer Forschungszusammenarbeit abzuklären», sagt die Projektleiterin. Denn diese Regatta führt durch Gebiete, die aufgrund ihrer schwierigen Erreichbarkeit noch wenig erforscht sind. Deshalb beteiligen sich seit einigen Jahren manche Vendée-Globe-Teilnehmer mit der Erhebung von Messdaten aus dem Wasser an Wissenschaftsprojekten.

Oliver Heer hat nun an Bord seines Schiffes ein vom Swiss Polar Institute mitfinanziertes Messgerät, das fortlaufend CO2-Gehalt, Temperatur und Salzgehalt des Wassers misst. «Diesem wissenschaftlichen Projekt wollten wir mit einem Angebot für die Schulen folgen.» So verfolgen nun in der Deutschschweiz 195 Schulklassen Oliver Heers herausforderungsreiche Fahrt, wie Anita Feierabend erfreut feststellt. «Und in der Westschweiz sind es mit 198 gleich nochmals so viele.» Allein im Kanton Zürich nehmen 28 Klassen teil. «Offenbar ist das Format sehr ansprechend für Schulen. Es ist auch das erste Mal, dass wir ein Angebot mit einem solch aktuellen Anlass verknüpft haben.»

«Eine Klasse hat für Oliver ein Lied zu einer bekannten Melodie getextet – das haben wir ihm weitergeleitet.»

Natalie Bönheim, Lehrerin
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Fast täglich verfolgen die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse von Natalie Bönheim die Route des Seglers Oliver Heer und lernen dabei Wichtiges und Erstaunliches über unseren Planeten. Quelle: Dieter Seeger

Die Module dazu, die neben Theorie und Übungen auch Experimente beinhalten, entwickeln sie und der Projektleiter für die Romandie mithilfe eines Netzwerks von erfahrenen Lehrpersonen. Alle zwei Wochen wird ein neues Modul auf der Website aufgeschaltet, die ersten führten bereits vor dem Start in die Besonderheiten der Vendée Globe ein oder stellten Oliver Heers Boot und das Wissenschaftsprojekt vor.

Manche Lehrerinnen und Lehrer bedanken sich für das Angebot, indem sie Beispiele aus ihrem Unterricht schicken. «Eine Klasse hat für Oliver ein Lied zu einer bekannten Melodie getextet – das haben wir ihm weitergeleitet», erzählt Anita Feierabend. Ausserdem können die Kinder dem Segelprofi Fragen stellen. Eine Auswahl davon beantwortet er wöchentlich in seinen News, die er eigens für die teilnehmenden Klassen zusammenstellt.

Swiss Polar Class

Das Swiss Polar Institute (SPI) wurde 2016 als Stiftung gegründet und ist auf dem Campus Energypolis in Sitten angesiedelt. Als Forschungseinrichtung von nationaler Bedeutung unterstützt das Institut die Schweizer Wissenschaftsgemeinschaft in der Polar- und Höhenforschung durch Förderbeiträge, logistische Unterstützung, Fachkurse für Feldforschung und Sensibilisierungsmassnahmen für die Öffentlichkeit, um auf die Bedeutung der Polarregionen und der Polarforschung aufmerksam zu machen. Swiss Polar Class wurde 2020 ins Leben gerufen und bietet – gestützt auf die wissenschaftlichen Aktivitäten des Instituts – kostenlose Lerninhalte und diverse Veranstaltungen für Schulen zu Themen rund um Arktis und Antarktis an. Das Angebot reicht vom Polar-Workshop in der Klasse über den Online-Event «Frag die Polarforscherin» bis zum jährlich stattfindenden Swiss-Polar-Class-Festival. Das Zielpublikum sind Schülerinnen undSchüler von 8 bis 12 Jahren (3. bis 6. Primarklasse) oder auch ältere.

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Mithilfe eines Experiments erfahren sie an diesem Morgen, dass warmes Wasser eine geringere Dichte hat als kaltes, deswegen steigt, und dass auf diesem Prinzip die Meeresströmungen entstehen. Quelle: Dieter Seeger

Die Lösung aus dem Wasserglas

Natalie Bönheims Schülerinnen und Schüler haben inzwischen einen kurzen Film über den Marianengraben geschaut, den tiefsten Punkt im Pazifik und unter Meeresspiegel überhaupt. Ihre wichtigste Erkenntnis daraus haben sie notiert und tragen sie nun der Reihe nach vor. Viele zeigen sich beeindruckt angesichts der Tatsache, dass bis heute lediglich sieben Menschen in diese Tiefe abgetaucht sind. Auch der enorm hohe Druck von über 1000 bar, der auf fast 11 000 Metern unter Meer herrscht, ist ihnen geblieben. Oder dass es dort unten stockdunkel ist und die Tiere leuchten. Nach dieser Übung lernt die Klasse den Golfstrom als Teil eines weltweiten Strömungssystems kennen. Und als Strom, der unser Klima massgeblich bestimmt. Nach der Pause folgt ein Experiment. In Zweier- und Dreiergruppen füllen die Kinder einen grossen und einen kleinen Becher mit Wasser, im kleinen fügen sie ein paar Tropfen Farbe hinzu. Nun stellen sie den kleinen in den grossen Becher und beobachten, was passiert. Nichts Besonderes, das farbige Wasser verteilt sich mehr oder weniger gleichmässig im grossen Gefäss.

Im zweiten Durchlauf befindet sich im kleinen Becher mit der Farbe heisses Wasser, im grossen erneut kaltes. Was geschieht jetzt, wenn der kleine in den grossen Becher gestellt wird? «Das heisse Wasser mit der Farbe steigt, das kalte bleibt unten», stellt ein Mädchen fest. Und warum ist das so? Die Lehrerin verrät schon mal so viel: «Es hat mit der Dichte zu tun.» So kommen die Kinder schliesslich auf die Lösung: Das kalte Wasser hat eine höhere Dichte als warmes, weshalb das warme steigt. Und die Lehrerin sagt: «So entstehen die Meeresströmungen.» Die zwei Unterrichtsstunden vergehen wie im Flug. In ihrem Arbeitsheft halten die Kinder vieles fest und kleben dieausgefüllten Arbeitsblätter ein. So auch Milla, die es «super» findet, mit der Klasse die Vendée Globe zu verfolgen. «Viele Leute wissen nichts darüber», sagt sie. Laszlo findet die mit der Segelregatta verbundenen Lektionen ebenfalls spannend. «Wir haben auch schon über die Tiere in der Arktis und der Antarktis gesprochen oder die Geschichte von Roald Amundsen und Robert Falcon Scott kennengelernt.»

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Die Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse von Natalie Bönheim wünschen sich eine persönliche Begegnung mit Regatta-Segler Oliver Heer. Quelle: Dieter Seeger

Zahlreiche Anknüpfungspunkte

Natalie Bönheim ist von dem Angebot begeistert. «Es passt sehr gut in den NMG-Unterricht. Schon in der 5. Klasse hatten wir das Thema Wasser, darauf kann ich nun aufbauen und Querverbindungen herstellen, etwa zu Tieren und Pflanzen inden Polarregionen und ihren Lebensbereichen.» Die Primarlehrerin knüpft aber auch in anderen Fächern an die Vendée Globe an. So hat sie etwa im Englischunterricht mit der Klasse «Around the World in 80 Days» von Jules Vernes gelesen und mit den Schülerinnen und Schülern eine Vorstellung der gleichnamigen Kinderoper im Opernhaus Zürich besucht.

Und selbst überfachliche Kompetenzen würden gefördert, betont sie. Zu Beginn hätten die Kinder beispielsweise mitgefiebert in der Hoffnung, Oliver Heer werde aufs Podest segeln. Doch recht bald sei ihnen bewusst geworden, wie viel diese Regatta den Seglern abverlangt und dass es nicht in erster Linie ums Gewinnen gehe, sondern darum, die Herausforderungen anzunehmen und zu meistern. Schliesslich mussten mittlerweile schon mehrere Teilnehmer die Segel streichen. Die Klassenlehrerin betreibt einigen Aufwand, um zusätzliches Material zusammenzusuchen oder um sich zu überlegen, welches Wissen sie der Klasse vermitteln will. «Die Module sind sehr gut aufbereitet, informativ und anregend, aber es ist ein Unterschied, ob man sie in einer 4. oder in einer 6. Klasse einsetzt.»

Der Gewinn des Lernangebots ist für sie jedoch unbestritten: «Durch die Verknüpfung mit der Regatta gelingt es, bei den Kindern das Interesse für unseren Planeten zu wecken. Und ebenso lernen sie, dass es für ein solches Unterfangen Mut, Know-how und Durchhaltewillen braucht und man auch mit Frustrationen umgehen können muss – lauter wichtige Dinge im Leben.» Natalie Bönheim hat selbst spürbar Feuer gefangen und tauscht sich regelmässig mit ihrer Zwillingsschwester aus, die wie sie Primarlehrerin ist und unten im Dorf Zollikon mit ihrer Klasse ebenfalls an dem Programm teilnimmt. Und sie hegt einen grossen Wunsch: «Ich würde Oliver Heer irgendwann nach seiner Rückkehr gern zu uns in die Klasse einladen. Ob das klappt, weiss ich nicht, aber eine persönliche Begegnung mit ihm wäre für die Kinder nach allem, was sie gesehen und gelernt haben, ein einmaliges Erlebnis.»

Nachtrag: Oliver Heer ist am 17. Februar 2025 am Ziel angekommen. Er war 99 Tage unterwegs.