Alarm in der Schule – was nun?

Damit eine Schule im Ernstfall angemessen reagieren kann, müssen die Abläufe regelmässig eingeübt werden. Die Kantonsschule Zürcher Unterland hat ein Grossereignis simuliert. Zugleich war ein Team von «Care Kanton Zürich» vor Ort und hat realitätsnah einen Einsatz proben können.

Text: Walter Aeschimann Fotos: Marion Nitsch

Es ist 14 Uhr an einem winterlichen Donnerstagnachmittag. Der Schulbetrieb an der Kantonsschule Zürcher Unterland (KZU) in Bülach geht seinen gewohnten Gang. Plötzlich dröhnt ein seltsam lauter Gong durchs Gebäude. Und eine Stimme, die auch im hintersten Winkel über die Lautsprecher klar verständlich ist,  spricht in ruhigem Ton: «Achtung, dies ist eine  Durchsage der Schulleitung. Es werden alle gebeten, das Haus sofort zu verlassen und sich auf dem Sportplatz zu versammeln.»

Dann ein zweites Mal die gleiche Aufforderung. Die Türen gehen auf, Schülerinnen und Schüler,  Lehrpersonen, das Personal – alle strömen durch die Gänge, die Treppe hinunter, drängen sich zum Hauptausgang und laufen auf den Sportplatz zu. Der Sportplatz ist der Sammelplatz, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Dort, bei Nebel und Kälte, herrscht im Moment eine gewisse Unsicherheit. «Was ist passiert?», fragen sich die meisten. «Ich bin mega erschrocken, als der Gong ertönte», erzählt eine Schülerin. «Irgendwie war es unheimlich», meint eine andere.

«Das Wichtigste bei einem Alarm ist, dass alle sofort das Haus verlassen und zum Sammelplatz laufen.»

Paul Meier. Adjunkt und Leiter Zentrale Dienste

«Es soll viel Rauch entstanden sein. Der kam sicher aus dem Chemiezimmer», vermutetet ein Schüler. Ein anderer, der etwas verängstigt wirkt, fragt bei den Lehrpersonen nach. Aber die wissen auch nichts. In Tat und Wahrheit ist nichts passiert. Die KZU übt die Evakuation bei einem Grossereignis. Den Einsatz leiten Hausmeister Andreas Kläui und Paul Meier, Adjunkt und Leiter Zentrale Dienste. Das weitere Geschehen verläuft nun gemäss dem Plan, den die beiden «in einer Art Briefing und Auffrischung» mit dem erweiterten Krisenstab einige Tage vorher besprochen haben.

Während die Letzten zum Sportplatz laufen, verteilt Kläui vor dem Hauptausgang gelbe Westen an einige Lehrpersonen. Diese sind dem Team zugeteilt, das bei jedem Zimmer im Schulhaus kontrolliert, ob wirklich niemand mehr drin ist. Dann wird ein grüner Kleber an die entsprechende Tür geheftet. Zugleich beginnen auf dem Sportplatz andere Lehrpersonen, die zum Krisenstab gehören, anhand von Personenlisten zu kontrollieren, wer allenfalls fehlen könnte. «Das Wichtigste bei einem Alarm ist, dass alle sofort das Haus verlassen und zum Sammelplatz laufen», sagt Paul Meier.

Bülach 07.11.2024 - Evakuationsübung an der Kantonsschule Zürcher Unterland, ein Care Team von Care Zürich ist zur Übung ebenfalls anwesend.  © Marion Nitsch/Lunax
Die Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Zürcher Unterland in Bülach sammeln sich auf dem Sportplatz, nachdem im Schulhaus der Alarm losgegangen war. Quelle: Marion Nitsch/Lunax

«Care Kanton Zürich»

Die Kantonspolizei Zürich hat im Auftrag der Regierung vor fünf Jahren als Teil der kantonalen Zivilschutzorganisation eine Care-Organisation für gravierende Ereignisse und Katastrophen aufgebaut. Die Organisation «Care Kanton Zürich» steht Menschen zur Verfügung, die nach traumatisierenden Ereignissen notfallpsychologische Unterstützung benötigen.

Die Angehörigen von «Care Kanton Zürich» besuchen nebst einer Grundausbildung vier Weiterbildungstage pro Jahr. Eine davon findet im Rahmen einer grösseren Einsatzübung statt. Die Polizei bietet das Care-Team im Bedarfsfall auf. Das Team ist innerhalb von 60 bis 90 Minuten ab Aufgebot zu jeder Tages- und Nachtzeit vor Ort.

Die maximale Betreuungsdauer beträgt rund 72 Stunden. Danach wird den Betroffenen eine Nachfolgelösung empfohlen, wenn diese erforderlich scheint. Im Ereignisfall kommt der Information der Betroffenen sowie der öffentlichen Kommunikation eine wichtige Rolle zu. Eine gute Kommunikationsstrategie hilft entscheidend bei der erfolgreichen Ereignisbewältigung. Deshalb sind Absprachen zwischen der Schule und den Kommunikationsdiensten der Polizei wichtig.

Eine weitergehende Auflistung von Anlaufstellen bei Krisen sowie Hilfsmitteln für den Umgang mit Krisen findet sich zudem auf der kantonalen Website.

Care-Team betreut Betroffene

Dies ist der eine Teil der Übung. Für den anderen wartet während der Evakuation im Hintergrund ein Team von «Care Kanton Zürich». Diese Teams setzen sich aus Freiwilligen zusammen, die im Rahmen der kantonalen Zivilschutzorganisation im Notfall zur Betreuung von Betroffenen im Einsatz stehen und dafür entsprechend ausgebildet werden. «Wir versuchen, unsere Übungen unter möglichst realen Bedingungen durchzuführen. Dabei arbeiten wir oft mit Behörden und Institutionen zusammen», erklärt André Meier, Leiter von «Care Kanton Zürich». «Es wird ein Szenario festgelegt, in diesem Fall ein Brand, und die Figurantinnen und Figuranten bekommen Rollen, die sie spielen.»

Den Einsatz in Bülach hat das Mittelschul- undBerufsbildungsamt des Kantons Zürich (MBA) ermöglicht, in dem es die KZU angefragt hat, ob sie an einer solchen Übung mitwirken möchte. Barbara Huwiler ist Fachleiterin Gewaltprävention und Sicherheit im MBA und ebenfalls vor Ort. Sie beobachtet die Szenen und wird am Ende ein Feedback geben. «Sicherheit wird immer wichtiger an den Schulen. Wir animieren deshalb die Schulen, solche Notfallsituationen regelmässig zu üben», sagt sie. «Gleichzeitig kann das Care-Team seine Einsätze proben. Es ist deshalb eine Win-win-Situation.»

Geübt werden vor allem Brandfälle, aber auch andere Ereignisse, etwa Überschwemmungen. «Nicht erlaubt sind hingegen Simulationen, die traumatische Auswirkungen haben könnten, beispielsweise Amokläufe», betont Huwiler.

Bülach 07.11.2024 - Evakuationsübung an der Kantonsschule Zürcher Unterland, ein Care Team von Care Zürich ist zur Übung ebenfalls anwesend.  © Marion Nitsch/Lunax
«Achtung, dies ist eine Durchsage der Schulleitung. Es werden alle gebeten, das Haus sofort zu verlassen und sich auf dem Sportplatz zu versammeln.» Quelle: Marion Nitsch/Lunax

An der Übung in Bülach nehmen rund 50 Personen von «Care Kanton Zürich» teil. «Eine besondere Herausforderung ist immer die erste Einsatzphase», sagt André Meier. Denn beim Eintreffen des Teams sei vieles unklar und es stünden keine geeigneten Räumlichkeiten für die Betreuung zur Verfügung. Dies bedeute für das Team, «bei der Einsatzleitung der Polizei oder Feuerwehr sofort weitere Informationen zu sammeln, angemessene Räume zu finden und eine Struktur in den Einsatz bringen».

Es fehlen zwei Schüler

Auf dem Sportplatz ist noch keine Ruhe eingekehrt. Zwar verlief die Evakuation «rasch und diszipliniert», meint Adjunkt Paul Meier. «Das Schulhaus war in sieben Minuten leer. Wir hatten als Vorgabe 15 Minuten eingeplant.» Aber die Kontrolle der An- und vor allem der Abwesenden zieht sich in die Länge. Es gibt viele unterschiedliche Listen, fast 900 Namen müssen abgehakt werden. Und 30 Minuten nach dem Alarm ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen.

Die ersten Schülerinnen und Schüler beginnen zu frieren, andere haben geistesgegenwärtig die Laptops eingepackt und erledigen in der Kälte ihre Hausaufgaben. Weitere wollen in der Turnhalle einen Fussball holen, was aber nicht bewilligt wird. Schliesslich zeichnet sich ab, dass zwei Schüler tatsächlich fehlen und vorerst unauffindbar sind. «Wir sind unterbesetzt, es sind zu wenig Leute im Krisenteam», sagt Hausmeister Andreas Kläui.

«Das Beste war, dass wir keinen Unterricht hatten.»

Schüler der KZU Bülach

Das Care-Team hat unterdessen Einsatzstrukturen aufgebaut und im Sporttrakt einen warmen Betreuungsraum bezogen. Die Einsatzleiterinnen und -leiter haben genügend Informationen sammeln können und organisieren nun die Betreuung von «Betroffenen». Das wären in diesem Fall die Klassenkameradinnen und-kameraden der vermissten Schüler, die Klassenlehrperson oder jene, die mit der Ungewissheit des Geschehens Mühe haben oder Symptome eines Schocks zeigen. Eine sogenannte Care Giverin kauert neben einer verwirrten Person.

Das CareTeam arbeitet dabei nach Modellen, die vom Bund zertifiziert und schweizweit vorgegeben sind. «Es gilt, die Emotionen der Betroffenen auszuhalten, beruhigend auf die Menschen einzuwirken und sie soweit aufzubauen, dass sie wieder die Kontrolle über ihr eigenes Verhalten erlangen können», erklärt André Meier. Dabei könne auch helfen, den Betroffenen Informationen weiterzuleiten, etwa, dass ein vermisster Schüler unterdessen aufgetaucht sei, dass die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle habe oder der Brand «nur» eine grössere Rauchentwicklung gewesen sei. «Unsere Arbeit soll verhindern, dass Spätfolgen auftreten könnten,  die eine längerfristige Therapie zur Folge haben.»

Knapp eine Stunde nach dem Alarm gibt Andreas Kläui via Megafon das Ende der Übung durch. Der Schulbetrieb wird wieder aufgenommen. Einige haben noch eine Musikstunde, andere ziehen sich für den Turnunterricht um oder gehen nach Hause. Aber für die Schülerinnen und Schüler bleibt die Übung das zentrale Gesprächsthema. «Es war eine coole Aktion», sagt einer der Jugendlichen. «Das Beste war, dass wir keinen Unterricht hatten», findet ein anderer. «Die Übung war sicher nötig», meint eine Schülerin. «Ich habe mich nur gewundert, dass wir in drei Jahren noch nie eine solche Übung hatten.»

Bülach 07.11.2024 - Evakuationsübung an der Kantonsschule Zürcher Unterland, ein Care Team von Care Zürich ist zur Übung ebenfalls anwesend.  © Marion Nitsch/Lunax
Lehrpersonen, die dem Krisenstab angehören, überwachen das Ganze und stehen in Verbindung mit anderen, die im Gebäude kontrollieren, ob sich dort auch wirklich niemand mehr aufhält. Quelle: Marion Nitsch/Lunax

Nicht alles lief rund

Ein paar Tage später zieht auch Adjunkt Paul Meier aus Sicht der KZU ein erstes Fazit: «Die Übung war sinnvoll und wir müssen das regelmässig wiederholen. Die Evakuation selber verlief erfreulich gut. Aber unser Vorgehen danach war zu kompliziert. Wir haben zu viele Listenblätter und müssen die Abläufe vereinfachen.» An den beiden Haupteingängen des Klassentraktes brauche es zudem unbedingt Wachposten, die sicherstellten, dass nach dem Beginn der Evakuation niemand mehr ins Gebäude gehe.

«Wir haben uns auch zu viele Gedanken über Abläufe gemacht, die wir im Ernstfall an die offiziellen Organe übergeben würden.» Dann hätten die Feuerwehr oder die Polizei den Einsatz übernommen und entschieden, was zu unternehmen ist, wenn etwa zwei Schüler fehlen. Für André Meier von «Care Kanton Zürich» ist das Ziel einer Übung immer, «Erkenntnisse für einen nächsten oder einen realen Einsatz zu sammeln. Dies ist uns anlässlich dieser Übung besonders im Bereich der Einsatzführung gut gelungen, indem die Wichtigkeit einer strukturierten Problemerfassung nochmals klar aufgezeigt wurde.»