«Hadern? Megaselten! »
Schulblatt 07.03.2025
Mit 22 hatte er einen folgenschweren Unfall. Heute ist David Mzee der erste Schweizer Sportlehrer im Rollstuhl.
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Text: Jacqueline Olivier Foto: Stephan Rappo
David Mzee saust in die Küche, nimmt ein Glas aus dem Hängeschrank, füllt es mit Wasser, stellt es für die Besucherin auf den Tisch. Dann nimmt er ihr gegenüber Platz – oder besser: er positioniert seinen Stuhl. David Mzee sitzt im Rollstuhl. Im Gespräch vergisst man dies jedoch schnell. Er erzählt lebhaft, seine Arme und Hände sind ständig in Bewegung. Dennoch täuscht der Eindruck: Der 36-Jährige ist Tetraplegiker.
2010 verunfallte er während seines Studiums zum Sportlehrer an der ETH Zürich. «Bei einem Mehrfachsalto bin ich in der Schnitzelgrube gelandet», sagt er trocken. Die Folge: ein spinaler Schock. Er erlitt eine Lähmung ab Halshöhe. Sein Studium lag erst einmal auf Eis. Stattdessen: sieben Monate Reha im Spital Balgrist. Sportlehrer ist er trotzdem geworden. Denn Aufgeben war für ihn keine Option.
Eine Aussage über seine Zeit im Balgrist unterstreicht seinen Durchhaltewillen: «Ich hatte dort eine normale, nicht durchgehend rollstuhlgängige Umgebung. Das war gut für mich.» Die Tücken, die ihn im Alltag erwarten würden, lernte er also dort bereits kennen. Gleichzeitig waren Familie, Freunde und Bekannte in der Nähe, er hatte viel Besuch. Unter anderem vom Institutsleiter der ETH. Von ihm erhielt er die Zusage, dass man ihn beim Abschluss des Lehrdiploms unterstützen würde. Seinen ehemaligen Sportlehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) in Wetzikon bat er zudem um eine Probelektion, um sich zu vergewissern, dass seine Pläne umsetzbar waren.
«Ich kann nur unterrichten, wenn ich die Bewegungen spüre.»
David Mzee, Sportlehrer
Sport war nur eine Option
Inzwischen sind einige Empfindungen zurückgekehrt – in den Armen und den Händen, auch wenn er sie nach wie vor nicht uneingeschränkt bewegen kann. Von oberhalb der Brust bis zu den Füssen besteht die Lähmung weiterhin. Zurzeit unterrichtet er an der Gewerblichen Berufsschule Wetzikon (GBW). Die Vorbereitung sei für ihn enorm wichtig. «Ich kann nur unterrichten, wenn ich die Bewegungen spüre.»
Dabei verlässt er sichauf seine Erinnerungen. Vorzeigen geht selten, aber das sei auf dieser Stufe gar nicht das Wichtigste – dies habe man ihnen schon in der Ausbildung erklärt. Im Gegenteil: Wenn man etwas zu perfekt vormache, könne das gewisse Schülerinnen und Schüler abschrecken. «Wenn ich hingegen etwas erkläre, haben sie oft weniger Probleme damit, sich in Bewegung zu setzen.»
David Mzee ist in Wetzikon als Sohn eines Kenianers und einer Schweizerin aufgewachsen. Heute lebt er hier mit seiner Partnerin und seinen zwei kleinen Töchtern. Schon als Kind und Jugendlicher war er sportbegeistert. Er trainierte im Handballclub, spielte mit Kollegen Fussball, ging skaten und Ski fahren.Später entdeckte er die Kampfkunst. Trotzdem war das Sportstudium für ihn nur eine von mehreren Optionen. «Maschinenbau war auch in der Auswahl, ebenso Medizin, Soziologie oder Psychologie.» Schliesslich entschied er sich für Sport- und Bewegungswissenschaft, weil es hierbei nicht um Krankheit, sondern um Gesundheit gehe. Und für das Lehrdiplom, denn: «Unterrichten liegt mir, ich hatte auch in Kampfkunst schon unterrichtet.»

«Es ist spannend, Teil der Forschung zu sein.»
David Mzee, Sportlehrer
Wie reagieren denn die Schülerinnen und Schüler auf den Sportlehrer im Rollstuhl?«Das war von Anfang an problemlos.» Begonnen hat David Mzee am damaligen KV Wetzikon. Er erinnert sich noch gut an seine erste Lektion. Der Rektor und ein weiterer Sportlehrer begleiteten ihn. «Eine Schülerin fragte, bei wem sie denn jetzt Sport hätten. Ein anderer antwortete: ‹Bei ihm natürlich›, und zeigte auf mich.»
Seine Geschichte erzählt er hingegen nur, wenn ihn jemand danach fragt. Inzwischen ist diese Geschichte allerdings nicht mehr völlig unbekannt. David Mzee ist eine von drei Personen, die sich für ein wissenschaftliches Projekt der ETH Lausanne einen Chip in die Wirbelsäule implantieren liessen. Die erste Anfrage dafür erhielt er 2011, eingesetzt wurde der Chip 2016.
«Ich hatte also viel Zeit, mir das zu überlegen, die Leute kennenzulernen– den Studienleiter, die Neurochirurgin.» Die Technik an sich sei nicht neu, aber man habe damit noch nie Menschen zu stimulieren versucht. Aus dem Projekt wurde eine gross angelegte Studie. David Mzee wurde porträtiert und interviewt – in Zeitungen, im Fernsehen. «Als die Studie bekannt wurde, lief mein Telefon heiss – selbst die ‹New YorkTimes› wollte über mich berichten.»
Mit dieser Aufmerksamkeit kann er umgehen, weil er weiss, dass es den Menschen etwas bringt – Wissen den einen, Hoffnung den anderen. Bei ihm hat der Chip dazu geführt, dass ihm seine Beine wieder etwas besser gehorchen. Und noch etwas freut ihn: «Es ist spannend, Teil der Forschung zu sein.»
«Ich übernehme lieber Verantwortung für das, was ich ändern kann.»
David Mzee, Sportlehrer
Tüftler und Inspirationsredner
Dieser Bereich nimmt in seinem Leben inzwischen viel Raum ein. Als Bewegungswissenschafter, der er ja auch ist, berät er Ingenieure und Unternehmen bei der Verbesserung oder Entwicklung von Sportgeräten, die er selbst testet und nutzt und die den Markt für Betroffene wie ihn verändern, egal ob es um Wakeboarding, Kitesurfing oder Monoskiing geht. Zurzeit tüftelt er gemeinsam mit einem seiner mittlerweile vielen Bekannten an einem Rollstuhl, den man mit dem Rücken steuern kann.
«So komme ich oft zu Aufgaben, die nicht 08/15 sind.» Und dank seiner Geschichte könne er heute Sport und Bewegung mit seinem Interesse an Technik verbinden. «Ich blühe auf, wenn etwas für mich völliges Neuland ist, wenn meine Expertise gefragt ist, aber auch, wenn ich mit anderen Experten zusammenarbeiten kann und man von einander lernt.»
Sein Sportlehrerpensum hat er mittlerweile reduziert und sich ein zweites Standbein aufgebaut: Als Inspirationsredner spricht er in Firmen, Organisationen und Schulen – etwa darüber, wie man mit Herausforderungen und Rückschlägen umgeht. Und er spielt Rollstuhl-Rugby in der Schweizer Nationalmannschaft. 2022 nahm die Schweiz erstmals seit vielen Jahren wieder an einer WM teil. Hadern mit dem Schicksal? «Megaselten!»
Seiner vierjährigen Tochter würde er gern das Skifahren beibringen. «Aber das müsste ich vormachen können.» Oder manchmal ärgert er sich, wenn er irgendwo Hindernisse antrifft, die er nicht ohne Hilfe überwinden kann. «Das ist einfach mühsam.» Aber: «Wir alle sind voneinander abhängig – vom Wissen und Können anderer. Ich habe ebenfalls Kenntnisse und Fähigkeiten, die andere nicht haben.» Zu hadern mache hingegen alles nur schlimmer und führe in ein Hamsterrad. «Ich übernehme lieber Verantwortung für das, was ich ändern kann.»